Irisch-katholisch

Irische Taxifahrer vom Dorf erzählen gerne davon, wie die Dorfgemeinschaft noch bis vor Kurzem alle ächtete, die nicht jeden Sonntag in der Kirche erschienen. Nein, Krankheit war da keine ausreichende Entschuldigung, außer der Dorfarzt konnte glaubhaft bestätigen, dass das fehlende Schäfchen wirklich nicht aufstehen konnte.

Noch heute sind Mittzwanzigerinnen recht erstaunt zu hören, dass in Kontinentaleuropa gemischte Schulen die Regel sind und der Gedanke an strikte Trennung in Mädchen- und Jungenschulen außerhalb Irlands auf Befremden stößt.

Was davon jetzt Gewohnheit und was Kirche ist, kann man wohl nicht klar trennen, aber man nimmt trotzdem auch als Nicht-Ire mit eher internationalem Umfeld immer wieder wahr, dass der katholische Arm noch recht weit reicht.

Dublin Pride parade

Bei der Partnerwahl lässt der Arm schon nach – jedes Jahr ist die Pride Parade bunt und recht gut besucht (wobei das Bild oben eine Werbeaktion für Wodka war und keine echte Teilnehmergruppe – so wenig Kleidung war auch nicht empfehlenswert, nicht einmal für Iren). Zwar standen ein paar verlorene Menschen am Rand, hielten Kreuze hoch und waren gegen bunte Durchmischung, aber sie fielen kaum auf.

Dafür ist der weibliche Körper noch komplett in katholischer Hand. Angefangen bei der medizinischen Versorgung, beziehungsweise ihrer Abwesenheit: Frau sein, so erfährt man, ist ja an sich keine Krankheit, also gibt es dafür auch keine speziell ausgebildeten Mediziner – kann ja schließlich auch der Hausarzt machen, Frauen sind ja auch irgendwie Menschen, oder? Verhütungsmittel werden verschrieben, aber ohne dass der jeweilige Arzt unbedingt wirkt, als wisse er, was für wen und warum. Und Schwangerschaften werden so gut wie gar nicht betreut oder untersucht mit dem irritierenden Kommentar, auch Schwangerschaften seien ja keine Krankheit, und sollten dabei Komplikationen auftreten, könne man sowieso nichts machen, da Abtreibungen ja illegal sind und bleiben sollen. (Oh, und Vorsorgeuntersuchungen, so erfährt man, sind unnütz, denn die meisten haben ja doch nichts.)

Dublin, politisch

Und so wundert es auch nicht allzu sehr, große Plakatkampagnen gegen Abtreibung zu sehen, überall in der Stadt. Das ist hier recht beliebt: Man warnt auch gerne per Plakat vor Brust- oder sonstigen Krebs und soll sich der Gefahr bewusst sein – nur eben nicht medizinisch unterstützt, sondern mehr so mental, indem man sich (fürs Brustbewusstsein) Narzissen ans Revers steckt oder (für die Prostata) die Haare bunt färbt. Für leukämiekranke Kinder durchquert man auf dem Fahrrad das Land, gegen Obdachlosigkeit klettern Menschen auf Berge… nur was genau das jetzt praktisch bringt, das versteht man als Außenstehender nicht immer.