Category: seltsame Welt

Kundenservice, postsozialistisch

Seltsame Welt: Der Sozialismus ist schon eine ganze Weile her, und außerdem habe ich den Eindruck, dass hier in Polen deutlich mehr Menschen einen kleinen Laden besitzen als etwa in Ostdeutschland.

Ja, diese Einleitung schreit nach einem “aber”.

Aber!

Die Kassiererinnen in Supermärkten hier legen ein Verhalten an den Tag, das ich schon aus Brandenburger Tagen kenne:
“Wat wolln Se?” – “Zahlen?” – “Sie sehn doch, dass ick beschäftigt bin.” (Ja. Sie sprechen mit Ihrer Kollegin über Ihren Nachwuchs.)
In dieser Form ist es mir hier zwar noch nicht passiert, doch dafür ist hier die Langsamkeit im Ziehen von Lebensmitteln über den Scanner an der Kasse direkt proportional zur Länge der Schlange multipliziert mit der Zahl der vorhandenen, aber geschlossenen Kassen. Ebenso beliebt wie an der Grenze ist aber hier das zwanghafte Fragen nach Kleingeld, auch bei einem Betrag von 9,99 Zloty, wenn man einen Zehn-Zloty-Schein reicht, und auch, wenn der freie Blick in die Kassenschublade zeigt, dass keinerlei Mangel an 1-Grosz-Stücken besteht. Seufz.

Rätselhaft dabei ist mir, dass mir dieses Phänomen allgemein mit der sozialistischen Verhalten erklärt wird: Damals waren die Damen an der Kasse schließlich Herrinnen über knappe Güter und versteckten Luxus unter der Ladentheke. Erstaunlich nur, dass diese Sozialisierung auch noch auf Kassiererinnen wirkt, die vor dem Fall der Mauer kaum den Windeln entwachsen waren. Es scheint sich vererbt zu haben.

Bei anderen Kaufleuten ist es dann aber vermutlich doch die lange Vergangenheit.
Ort: Die Breslauer Markthalle – unten Nahrung und Blumen, oben wandschrankgroße Geschäfte mit weniger verderblichen Gütern. Wir gehen zu fünft in einen Stoffladen, und mehrere von uns sind Polinnen (die Sprachschwierigkeiten waren es also nicht). Wir waren die einzigen Kunden, und angesichts der höchst begrenzten Verkaufsfläche waren wir auch nicht zu übersehen. Trotzdem hat er uns mehrere Minuten komplett ignoriert, zeigte uns dann aber doch irgendwann den gesuchten schwarzen Stoff.
“Wir hätten gerne 16 Meter davon.”
“Das sind nur 8,50.”
“Dann nehmen wir davon 8 Meter.”
“Und was soll ich dann mit den 50 Zentimetern Rest?”
“… – Wir brauchen die 50 Zentimeter nicht, wir brauchen Stücke von je zwei Metern.”
“Entweder Sie kaufen auch die 50 Zentimeter und zahlen sie voll oder es gibt halt gar nichts.”
“Wir brauchen sie aber nicht. Wir hätten gerne acht Meter.”
“Wenn Sie sich jetzt nicht entscheiden, verdoppele ich den Preis für den Rest! Was ist jetzt?!”
“Äh… wie bitte?”
“So wird das nichts, so verkaufe ich Ihnen gar nichts.”
Gerne, der Herr. Wir sind dann auf ein anderes Geschäft ausgewichen. Da schnitt der kleine Sohn der Inhaberin uns den Stoff zu, während sie in der Ecke Tee trank und mit jemandem plauderte, was sie aber nicht so sehr ablenkte, dass sie ihrem Spross nicht untersagen konnte, uns den Stoff jeweils nach zwei Metern abzuschneiden. Der Tisch war zwar nur zwei Meter lang und er musste jeweils nach zwei Metern das gemessene Stück falten und dann den Ballen neu ausrollen. Aber “Zuschneiden machen wir hier nicht.”
(Immerhin war der Stoff billiger als im ersten Geschäft.)

Nachbarschaft, besorgniserregend

dumpf Wie soll ich sagen – anscheinend ist bei einigen meiner Nachbarn die Geisteshaltung direkt proportional zu ihren orthographischen Fähigkeiten. So rein vom Sympathiefaktor her. Irgendwie hoffe ich, dass wir uns nicht näher kennenlernen.

Allerdings überlege ich nun, wenn ich meinen Hinterhof überquere, öfter mal, von wem diese schmerzhafte Apostrophierung stammt. Von denen, die ihre Tage auf der rottenden Sitzgruppe verbringen, unter dem Baum neben den Müllcontainern? Oder von einem Sprössling der Frau, die immer nachts gegen zwei Uhr ihren Mann anbrüllt wie ein weibliches Rumpelstilzchen Mitte 50?

Ich versuche, die gute Seite an ihr zu sehen (nicht leicht, wenn sie einen allnächtlich aus dem Tiefschlaf reißt): Sie ist eine gute Messlatte für meine Polnischkenntnisse. Ich weiß mittlerweile, dass sie seit 33 Jahren verheiratet ist und vier Kinder großgezogen hat und morgens immer arbeiten geht, während (hier beginnt meine hypothetische Rekonstruktion) ihr Mann jede Nacht alkoholisiert nach Hause kommt. Wenn man sie brüllen hört, fragt man sich, was da was bedingt. Oder ob eins der Kinder nicht sein Glück als Hoo’l sucht.

Drama an der Tram = Trama?

Drama an der Tramhaltestelle

Dieses tragische Bild bot sich mir, als ich aus der Straßenbahn stieg. Viele mögliche Interpretationen, aber alle hochdramatisch, denn der noch sehr frische Blumenstrauß war mutwillig so zerrupft. Beteiligte waren nicht mehr zu sehen, gebrochene Herzen lagen auch nicht herum. Aber man ahnte sie noch.

Garten in schöner Lage

Garten in schöner Lage

Vor ein paar Wochen hat sich jemand die Mühe gemacht, hinter meinem Haus ein Blumenbeet anzulegen. Sehr idyllisch, zwischen Hofeinfahrt und Mülltonnen, und anscheinend regelmäßig gehegt und gepflegt.
Unter einigen Bäumen, dreißig Meter weiter, haben einige alltägliche Hofbenutzer zwei alte Sessel und ein rotes Plüschsofa gruppiert, wo es sich hübsch Bier trinken lässt im Breslauer Sommer, also gehe ich davon aus, dass sie nicht die fleißigen Gärtner sind, sonst wäre die florale Aufwertung dieses schönen Fleckchens Erde bestimmt näher an der Sitzgruppe.

Eulenjagd

besorgte EuleGrummelnde Eule

Zwerge jagen in Wroclaw viele, Eulen dafür weniger – bisher scheine ich damit noch relativ allein dazustehen. Aber sie sind mindestens genauso zahlreich vertreten und haben außerdem ein breiteres mimisches Spektrum als die Zwerge – oben etwa “besorgt” und “grummelnd”, sofern ich das korrekt deute.

(Weitere bereits erlegte Eulen sind hier oder hier zu sehen.)

Nanu!

Höchst mysteriös nur:

Eines Tages legte ich auf einem Schulhof kurz ein Stück Kreide zur Seite (eine Geschichte, die einen eigenen Eintrag erfordert) und widmete mich anderen Abenteuern. Als ich eine halbe Stunde später zurückkam, war neben der Kreide eine Eule.

Möglicherweise jagen die Eulen also auch mich.