Gartenbewohner
Raupen, wohin man schaut (und sie schauen scheinbar zurück)

Der Sommer ist da, zumindest botanisch gesehen, und so sprießen in unserem Vorgarten fröhlich Pflanzen vor sich hin, von denen ich nicht immer genau weiß, ob kundigere Gärtner sie als Unkraut oder als akzeptable Gartenpflanze einordnen würden. Einige davon habe ich selber gepflanzt (Fuchsien, Begonien, was kleines Blaues), einige rupfe ich erfolglos aus (Löwenzahn, Schöllkraut), einige sehen verdächtig nach Kartoffeln aus, und einige sind einfach… da. Letztes Jahr kam einmal der Vormieter vorbei und interessierte sich unter Anderem dafür, was aus seinen floralen Bemühungen geworden sei. Der Blick auf unseren Dschungel war nicht allzu entzückt. Nun ja. Zumindest ein Aspekt konnte ihn letztes Jahr noch nicht erschrecken:
Dieses Jahr stellte ich eines Wochenendtages fest, dass es sich auf den besonders fleißig wuchernden weißen Kreuzblütlern bewegte und wand: Kohlweißlingsraupen schienen von unserer Bepflanzung sehr angetan.

besorgte Raupe
Kindchenschema oder Besorgnis?
Gartenbewohner
Sind Raupen rot-grün-blind? Optimale Tarnung sieht anders aus, aber unser Gartentor scheint ein beliebter Ort zur Verpuppung zu sein

Nun, an den weißen Blumen hing ich sowieso nicht allzu sehr (und wüsste auch nicht, wie man sich der Raupenflut erwehren könnte) und die Vorstellung beschwingter Kohlweißlinge klang eigentlich ganz hübsch. Falls es mal lange genung aufhören sollte zu regnen, damit sie auch ein bisschen flattern können.

Und so gingen die Dinge ihren Weg: Unsere namenlosen weißen Blumen sackten unter Regen und Raupenfraß immer mehr zusammen, und als von ihnen nichts mehr übrig war als traurige Stängel, krochen die Raupen fort und verpuppten sich in frühlingsgrün.

Ich weiß zwar nicht, wie lange so eine Raupe braucht, um als Schmetterling wieder hervorzukriechen, aber die Puppen waren ja am Gartentor optimal positioniert, um dort täglich einen Blick auf die Fortschritte zu werfen und der Verwandlung zu harren.
Raupe und Parasiten
Raupe und… Jungraupen, so hofft man harmoniesuchend
Und schon nach kurzer Zeit schien es soweit zu sein: Der Kokon verschwunden, und an seiner Stelle… Nanu? Kein Schmetterling pellt sich heraus, stattdessen erscheint eine Raupe, die… äh… brütet? Sich wärmend über ihre Jungen legt und sie vor allem Unbill bewahrt?
Komisch, denkt man sich. Der Biologieunterricht liegt lange zurück, die Lektüre relevanter Kinderbücher noch länger, und trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass das Kapitel “Brutverhalten von Gartenraupen” darin nicht vorkam. Hat die Insektenwelt seither dazugelernt?

Weiß das Internet mehr? Ja – doch wird dort die Hoffnung auf ein Raupenidyll jäh zerstört. Dafür lernt man, dass man nicht nach Hollywood schauen muss, um sich zu gruseln. Denn nun weiß ich: Ich habe einen Zombie im Vorgarten – eine Raupe, die nun von Parasiten, ich zitiere, “wenige Tage vor ihrem Tod noch zur Verteidigungsmaschine umprogrammiert und versklavt” wurde. Die Raupe an sich ist nicht mehr, aber Parasiten bringen sie dazu, sich bei Störung (Anpusten) unwillig zu bewegen und schützend über die Parasiten zu legen.

Bis sie dann komplett ausgesaugt ist und die Parasiten ausreichend erstarkt, um auch ohne sie weiterzuwachsen. Woraufhin die untote Raupe dann fallengelassen wird (so geschehen gestern Nacht). Abzuwarten ist nun, was die Spinne, die neben dem Parasitenkokon lauert, jetzt mit ihnen vorhat.

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