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Gebrauchsanweisung für Polen

Fassadenpoesie

Uneingeweihte Reisende in Polen sehen sich früher oder später mit einer plötzlichen und unerwarteten Identitätskrise konfrontiert: Was bin ich nur? Ein Kreis oder ein Dreieck? Und zumeist wird diese Frage aufgeworfen, wenn ihre Beantwortung dringlich und unumgänglich ist – an Fensterfassaden seltener. Nein: Es sind Toilettentüren, die plötzlich eine semiotische Barriere bilden, wenn man sie am wenigsten erwartet. Kritische Selbstbetrachtung führt nicht unbedingt zu einer zuverlässigen geometrischen Selbstklassifizierung – sowohl Männer als auch Frauen haben in meiner Gegenwart bereits überzeugend argumentiert, ein Kreis bzw. Dreieck zu sein, ohne immer richtig zu liegen.
Was bleibt also? Entweder, man rechnet sich eine 50:50-Chance aus und öffnet eine Tür. Oder man fragt jemanden. Oder: Man liest mein Blog, denn ich gedenke, nunmehr das Geheimnis zu lüften. Wohlan!
Liebe Damen, Ihr seid ein Kreis. Liebe Männer, als logische Folge seid Ihr hinter dem Dreieck besser aufgehoben.
– Und warum das Bild von den Fenstern? Nur so. Sie sind bei mir um die Ecke und amüsierten mich kurz.

Do It Yourself

Do it yourself?!

Polen verwundert manchmal sehr – da hat man einerseits Radio Maryja und Devotionalenshops mit Porzellan-Jesussen mit Airbrush-Wunden in Rosa, man hat den gesamten Frühling über Scharen über Scharen von Kommunionskindern in weißen Kleidchen und Anzügen. Andererseits hat man aber auch jeden Sonntag Einkaufsmöglichkeiten allüberall, weniger Feiertage als erhofft (Bayern wäre da ertragreicher), und dann so etwas wie oben an Kirchen zugewandten Mauern. Hm.

Polnischkurs am Straßenrand

Polnischkurs am Straßenrand

Die polnische Sprache ist leider, so scheint mir, nicht sehr benutzerfreundlich. Es fehlt mir bisher der Moment, in dem es “Klick” macht und ich plötzlich in wohlgewählten Worten parliere. Zwar hatte ich ein paar Mini-Klicks – so hat etwa ein Taxifahrer meinen Ehrgeiz angestachelt, “stół z powyłamywanymi nogami” sagen zu lernen, und ich kann das nun, ohne mit der Wimper zu zucken. Semantisch bringt es mir wenig (“Stuhl mit zerbrochenen Beinen” ist kein Thema, das ich im Alltag oft anspreche), doch der Beeindruckungsgrad ist nicht zu verachten. Muttersprachler scheinen es gemeinhin für unmöglich zu halten, dass man sich diese überdimensionierte Aneinanderreihung von Silben merken kann, wenn man ihr nicht von klein auf ausgesetzt war, aber dabei hat dies einen ganz entscheidenen Vorteil (den ich hier viel bemerkenswerter finde): Hinter jedem Konsonant folgt ein Vokal! Sehr selten, sehr zungenfreundlich, gerne mehr davon.

Ich arbeite nunmehr daran, ähnlich nonchalant “W Szczebrzeszynie chrząszcz brzmi w trzcinie” in Konversationen einflechten zu können. Das ist eindeutig noch nutzloser, da dieser Satz erklärt, dass in Szczebrzeszyn ein Käfer im Schilf summt und ich nicht einmal weiß, wo Szczebrzeszyn eigentlich liegt, geschweige denn jemals dort Insekten gelauscht habe. Dieser Satz ist aber ein sehr viel besseres Beispiel für das Vokal-Konsonanten-Verhältnis im Polnischen.  Immerhin kann ich, im Gegensatz zu anderen Ausländern, die Unterschiede zwischen den Zischlauten hören und imitieren. Ich übe also weiter.

Ein weiteres Erfolgserlebnis: Lästige Telefonanrufe. Mein Handy-Prepaid-Karten-Anbieter fand, ich bräuchte einen neuen Tarif und pries ihn in Gestalt einer Callcenter-Dame in den höchsten Tönen. Es führte zu einer dieser paradoxen Konversationen, in denen ich wortreich versichere, dass ich leider kein Polnisch kann, was sie mir nicht glaubte, da ich es ja so eloquent vorbrachte. Ich wollte trotzdem keinen neuen Tarif und versprach, mir die Vorzüge von “Heyah Mix (Miks?)” im Internet zu Gemüte zu führen.

Nun ja. Mühsam nährt sich das Eichhörnchen. Da ist es doch sehr erfreulich, wenn man am Straßenrand das Verb “sein” in drei Tempora versetzt vorfindet. Ein wenig Service für die tapferen Polnischlernenden war schon überfällig.

Wer hat an der Uhr gedreht?

Wer hat an der Uhr gedreht?

…ist es wirklich schon so spät?
Wirklich, wirklich, wirklich störend: Mein Handy hat seit neuestem die irritierende Macke, seinen Weckauftrag erst dann auszuführen, wenn ich es in die Hand nehme und entsperre. Ich müsste also theoretisch immer zuerst aufwachen, um dann meinen Wecker dazu zu bringen, mich ebenfalls zu wecken. Äh… ich finde das nicht optimal. Wecker sollten ihre Aufgabe ernster nehmen, das ist eine Frage der Berufsehre. (Ich würde ja hinzufügen: …und der Existenzberechtigung, aber das Handy hat ja einen Zusatznutzen.)
Und ich kann es mir auch nicht so ganz erklären, da es letzte Woche noch funktionierte, ich nichts umgestellt habe und es, wie ich feststellte, nicht einmal die Möglichkeit gibt, diese absurde Weckfunktion einzustellen. Momentan muss ich mich also darauf verlassen, dass mein Radiowecker mich tatsächlich mit den goldenen Hits Polens aus dem Reich der Träume holt, oder auf den alarmierenden Piepton umsteigen, den er mir bietet. Hmpf.

Nahrhafte Rückkehr

Minipizza

Zu lange schon liegt ankonym.de brach. Das geht so doch nicht!
So dachte ich mir schon länger, doch WordPress ist momentan nicht sehr kooperativ, und dann ist da stets der Gedanke, dass ich doch nun mehrere Monate nachholen müsste, wobei rückwirkende Updates ja eigentlich nicht im Sinne eines Blogs sind…

Also Planänderung: Fotos liegen mir vor, ich werde mir nur abgewöhnen, sie am Aufnahmetag hier einstellen zu wollen. Vielleicht kehrt hier ja dann etwas Leben zurück.

Zum Trost und zur Stärkung für neue Taten hier das Rezept für obige Pizza:

Quark-Öl-Teig
(schneller als Hefeteig, ähnlich lecker)
für 4 kleine Pizzas

125g Quark
1 Prise Salz
2 EL Olivenöl
1 Ei
1 Eigelb
200g Mehl
1 1/2 TL Backpulver

Alles verkneten, 30 min zugedeckt in den Kühlschrank. Dann noch einmal etwas bemehlen und durchkneten.

In Stücke teilen, Pizzas formen (die Ränder etwas dicker) und auf ein Backblech legen, ein bisschen einölen.

Belagsvorschlag
Rotes Pesto aus getrockneten Tomaten und Knoblauch (aromatischer als normale Tomatenpampe)
schwarze Oliven
gelbe Paprika
Oregano
geriebener Käse

200°C im vorgeheizten Ofen ca. 20 Minuten backen

Sonntagsspaziergang mit James Joyce

Trau keinem, auch nicht James Joyce

Wie nett, beim sonntäglichen Flanieren durch fremde Städte Berühmtheiten zu begegnen. James Joyce schien den Sonntag zu nutzen, um auf Ulysses’ Spuren ein wenig die plötzliche Sonne zu genießen.
Man ist sich nicht ganz sicher, ob er bemerkte, dass man seine Schritte überwacht: Trau keinem, auch nicht James Joyce. Vielleicht suchte er aber auch bewusst ein wenig Öffentlichkeit, wer weiß das schon so genau? Ein wenig mediale Aufmerksamkeit per CCTV in Zeiten des Internet.

James Joyce beim Sonntagsspaziergang
Und auch James schien seiner Umwelt mit ein wenig Misstrauen zu begegnen. Wenn jemand mitten in meine Lieblingsflanierstrecke, jahrzehntelang erprobt und literarisch gründlich erfasst, plötzlich eine unerklärte, monströse Metallnadel rammen würde, wäre ich auch ein wenig vergrätzt. Auch wenn sie hübsch die Sonne reflektiert.

Fast is better than slow

Ein einfacher Weg, Fachverkäuferinnen zu verstören:
Man schlendert durch ein Einkaufszentrum, sieht in einem kleinen Portemonnaie-Stand (Glasvitrinen mit Verkäuferin in der Mitte) das ideale Portmonnaie und braucht ohnehin ein neues, bittet darum, es anschauen zu dürfen und ersteht es nach 30sekündiger Inspektion.
Sie war völlig platt. “…echt? Sind Sie sicher?” – fast wirkte es, als hätte sie mir am liebsten nichts verkauft, aber der verunsicherte Blick auf die rund 500 ausgestellten Portemonnaies um sie herum ließ mich annehmen, dass sie eine solch rapide Entschlussfreude nicht gewöhnt war. Ich vermute, dass sie ohnehin relativ selten Kunden hat (Wie oft braucht man schon eine solide Geldbörse? Allzu günstige Ware hat sie nicht.), und dass die, die dann kommen, gerne ein paar Dutzend Ausführungen vergleichen und ein wenig herumagonisieren möchten, bevor sie sich entscheiden.
Wollte ich aber nicht. Das hier ist super.
Sie überwand ihre Verwirrung bis zum Abschluss des Verkaufs (“Hier meine Karte”, “Bitte hier, zielony PIN zielony, vielen Dank” sowie einpacken in ein edles Schächtelchen und Verstauen in einer Tüte) nicht völlig.neues Portemonnaie Ich jedoch bin begeistert. Es ist türkisblau, Leder, vertrauenerweckend verarbeitet und sieht aus, als ob es ein paar Jahre hält. Als Nebeneffekt amüsierte es mich, dass auf dem hübschen kleinen Karton in Silber “Dr. Koffer” eingeprägt ist. Wirkt das auf polnische Kunden irgendwie vielversprechend? Man weiß es nicht.Einerseits komme ich immer mehr zur Überzeugung, dass man weniger, aber dafür hochwertigere Dinge kaufen sollte, von denen man wirklich begeistert ist, statt mehr und billiger und schneller kaputt und nur mitteltoll. Andererseits gebe ich zu, dass ich nicht immer so zügig entscheide, sondern dass da eine Vorgeschichte ist:
Mein Momentanportemonnaie löst sich langsam ein wenig auf und hat außerdem den Nachteil, dass die Münzen dauernd aus dem Geldfach fallen. Also suchte ich schon länger ein neues. In Bielefeld sah ich nach Weihnachten ein schönes, das diesem sehr ähnlich war, das aber 50 Euro kosten sollte. Und das fand ich ein bisschen zuviel. Und, dramatisch gesehen, könnte man beim momentanen Verfall des Zloty sagen, dass ich dann ja auch gar kein Geld mehr hätte, um es darin zu verstauen. (Schön ists nicht zurzeit. Das Exildasein hat Nachteile.) Also hatte ich heute ohnehin die Augen offen auf der Suche nach einer ähnlichen, aber weniger teuren Alternative. (Ich hätte es ja noch eingesehen in Ansätzen, wenn es von glücklichen Kühen stammte. Oder Schweinen, ich kann das nicht erkennen. Aber der Mehrpreis hing mehr vom eingeprägten Markennamen ab, auf den ich sowieso keinen Wert lege.)
Also war es ein “Ja! Genau das habe ich gesucht!”-Moment, der keine weitere Untersuchung von Alternativen erforderte. Und die verblüffte Verkäuferin gabs gratis. Und den Dr.-Koffer-Karton.
Wäre mein Polnisch besser und ich wacher gewesen, hätte ich es ihr vielleicht erklärt. So muss sie sich weiter wundern. Und ich freue mich derweil an meiner Neuerwerbung.

Oh, und wenn ich schon einen “Ich war shoppen!”-Eintrag schreibe (man sehe es mir nach – es war mein erster Ausflug in die Welt nach zwei Wochen krank im Bett, es war alles so aufregend und neu für mich…), dann noch dies:
Ich habe noch etwas erstanden, das mir in den letzten zwei Wochen fehlte und das auf Polnisch wunderschön szlafrok heißt. Na?

genervter Aufschrei der Exilantin

Wie oft, frage ich mich, kann man in einer zivilisierten, etablierten, modernisierten Stadt das Wasser abstellen? Sagen wir, in Stunden pro Monat? Ohne Ankündigung?

Es erreicht nicht immer das Ausmaß von letztem Jahr, wo tatsächlich ganz Wroclaw einen Tag lang kein Wasser hatte (und es gibt hier immerhin 700.000 Einwohner). Es ist eher spontan und vorübergehend, aber nichtsdestotrotz enorm störend. Eben bemerkte ich es nur, weil die Klospülung nach Betätigung mit gurgelnden Lauten versuchte, neues Wasser in den Spülkasten zu saugen – etwa so verzweifelt wie ein Ertrinkender, nur andersherum. Mittlerweile ist es wieder da, das Wasser, doch eine gewisse Genervtheit bleibt.

Außerdem bringt es immer so Visionen, wie man gerade voll eingeseift unter der Dusche steht und so dann auch verbleiben muss, wenn plötzlich nichts mehr aus der Leitung kommt. Was tut man dann? Den Toilettenspülkasten ausschöpfen? Auf einen Rest in Wasserkocher oder Wasserfilter hoffen? Was, wenn die Waschmaschine plötzlich auf dem Trockenen sitzt? Die alte meiner Mutter fand so einen verfrühten Tod. Grummel.