Category: Stift&Papier

Theorie und Praxis

Wreck This Journal: Nonstop lineEs scheint keine ungewöhnliche Unart unter Geisteswissenschaftlern zu sein, anzunehmen, dass es ähnlich nützlich ist, ein Anleitungsbuch über etwas zu lesen, wie das Thema des Buches praktisch umzusetzen. Das mag damit zusammenhängen, dass geisteswissenschaftliche Themen endlos ausufern können – bevor man etwas zu Papier bringt, kann man unbegrenzt lange darüber forschen und dabei immer neue Wissenslücken entdecken, aufgrund derer man lieber erst noch ein weiteres Buch liest… das dann zehn weitere Querverweise zu neuen Wissenslücken liefert und das Gefühl gibt, sinnvolle Arbeit zu leisten, während man sich von der eigentlichen Arbeit ablenkt.

Dieses Verhalten lässt sich dann ziemlich direkt auch auf sonstige Lebensbereiche übertragen. Beispiele? Umberto Ecos Ratgeber zu wissenschaftlichen Abschlussarbeiten zu lesen, anstatt die Arbeit fertigzustellen. Ratgeber zum Verfassen der perfekten Bewerbung lenken gut vom eigentlichen Bewerbungsschreiben ab (scheinen aber gleichzeitig zielführend und nützlich). Und auch in der Freizeit: Man kann Bücher übers Schreiben lesen, aber dabei nie eine Seite vom nächsten Bestseller verfassen, alles über Yoga lernen, ohne sich je selbst zu verbiegen, ergründen, wie man Dinge geregelt kriegt, ohne sie je in Angriff zu nehmen… Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Doch eAnfangsseite von "Wreck This Journal"s gibt einen Ausweg! Schlaue Autoren kombinieren beide Ansätze und verfassen einfach ein Buch, das zugleich Theorie und Praxis darstellt. Keri Smith etwa fordert dazu auf, ihr Buch (deutsch/englisch) durch intensive Nutzung zu ruinieren. Nach anfänglicher Skepsis (Seiten rausreißen? Durch die Waschmaschine jagen? Mit unter die Dusche nehmen? Wo ist da der Respekt vor dem gedruckten Wort?! Und was halten wir überhaupt von vorgeschriebener Kreativität?) fand ich das durchaus unterhaltsam und verwüste seit einiger Zeit fröhlich vor mich hin und muss sagen, dass ein nach Anleitung ruiniertes Buch immer noch interessanter anzuschauen ist als ein leeres Skizzenbuch.

IMG_0459

Wreck This Journal: Color This Entire PageNettes, buntes Resultat der “fat lines” im Bild darüber – der unsanfte Umgang mit diesem Buch führt erstaunlich oft zu unerwarteten, aber erfreulichen Nebenwirkungen.

Die Einleitung (die man im Verlauf der Bearbeitung natürlich übermalen oder anderweitig zweckentfremden soll) behauptet, dass man durch dieses Buch schließlich überall die kreative Seite der Zerstörung erkennen wird und verspricht irgendeine Art von Befreiung. Nun ja. Ich bin noch nicht so ganz von der esoterischen Seite des Vergnügens überzeugt, dafür macht es Spaß. Vor Aufgaben wie “das Abendessen auf einer Seite abwischen” oder “Malen mit verrottenden Materialien” schrecke ich aber aus hygienischen Gründen zurück. Oder vielleicht will da die Historikerin in mir das Werk für die Nachwelt erhalten.

IMG_0466Diese Aufgabe ist deutlich einfacher, wenn man im Büro Zugang zu Gratisobst hat… dem man ein paar Aufkleber entwenden kann. Mein Favorit ist oben rechts die Birne mit Elvisfrisur.

IMG_0471

12.2.12

wreck this journalIch umschleiche oft meine Skizzenbücher, ohne wirklich etwas damit anzufangen – mal fehlt es an Inspiration, mal an Zeit. Um zumindest bei Punkt 1 nachzuhelfen, habe ich mir vor einiger Zeit “Wreck This Journal” von Keri Smith gekauft (auf Deutsch gibt es das unter dem Titel “Mach dieses Buch fertig“)  – ich habe länger gezögert, weil ich mir nicht ganz sicher war, was ich von Kreativität nach Vorschrift halte. Kann das interessant sein?

Ich stelle aber mittlerweile fest: Ja, das ist recht amüsant. Ich muss davon noch einmal ein paar Bilder machen – aber ich sammele fleißig Obstaufkleber, wasche herausgerissene Seiten in Jeanstaschen mit, bemale den Seitenschnitt (das sieht man hier auf dem Bild), bekleckere es mit Wein und stelle überhaupt so einiges damit an, was man normalerweise keinem Buch zumuten würde. Das Ergebnis ist manchmal erstaunlich hübsch. Vielleicht führt es ja auch irgendwann dazu, dass ich meine normalen Skizzenbücher fülle?